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„Are we telling the story as it is, or is the story as we tell it?”

03.11.2016

Nachbericht zur ICOM CECA Pre-Conference zum Österreichischen Museumstag 2016 in Eisenstadt

 

von Wencke Maderbacher, ICOM CECA National Correspondent

 

Der Österreichische Museumstag 2016, der im Oktober in Eisenstadt abgehalten wurde, stand unter dem Titel „Migration – Inklusion – Interaktion - Und die kulturelle Herausforderung an das Museum?“. Eben dieses Thema griff auch die erste ICOM CECA Pre-Conference zum Museumstag auf. Zwölf Kulturvermittlungsabteilungen aus österreichischen Museen stellten ihre Initiativen zum aktuellen gesellschaftlichen Diskurs vor und diskutierten mit knapp 60 Kulturvermittlungs-ExpertInnen aus 34 österreichischen, deutschen und südtiroler Institutionen über die Auswirkungen, Veränderungen in der Vermittlungsarbeit am 05.Oktober 2016 in Eisenstadt.

 

Museen blicken mit ihren Sammlungen weit in die Geschichte zurück, mit der Vermittlung werden Verbindungen zwischen Identitäten hergestellt, die aktuellen Ereignisse dazu in Relation gesetzt und aufgezeigt, was in der schnellen Medienberichterstattung vielleicht mitunter nicht berichtet wird. Eine Diskussionsplattform zu bieten ist eine wichtige gesellschaftliche Rolle der Museen und Kultureinrichtungen. Museen haben die Möglichkeit Leben zu verändern und die Aufgabe zu sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit in der Gesellschaft beizutragen. Die Kulturvermittlung kann oft schnell und flexibel auf gesellschaftliche Geschehnisse reagieren und tagesaktuell die Themen der Institution mit den Erlebnissen des Publikums vernetzen.

 

Besonders erfolgreich waren Projekte, die einen vielschichtigen Ansatz und Nutzen für alle Beteiligten hatten. Ein beeindruckendes Beispiel ist hier das Steirische Feuerwehr Museum, wo Anja Weisi Michelisch und Nina Zmugg ein nachhaltiges Unterfangen umsetzen: Die generelle Aufgabe, Brandvorkehrung und Alarmierung zu erklären, scheitert im Fall von neuen Zuwanderern oft am Wesentlichsten -  der Sprache. Gemeinsam mit der ortsansässigen freiwilligen Feuerwehr und einem Dolmetscher vermittelt das Feuerwehrmuseum daher dieses notwendige Wissen im Zuge eines Museumsbesuches und Löschübungen. Diese Aufklärungsarbeit zur eigenen und allgemeinen Sicherheit wird in weiterer Folge an anderen Orten bzw. Bezirken umgesetzt, um damit einen entscheidenden Aspekt zur nachhaltigen Integration zu forcieren.

 

Am Architekturzentrum Wien hat Anne Wübben das Projekt „Vienna to go – Wien angehen“ realisiert, um den meist eingeschränkten Bewegungsradius von unbegleiteten minderjährigen Flüchtenden in Wien zu vergrößern und den Jugendlichen durch den so gewonnenen Erfahrungsraum mehr Autonomie und Handlungskompetenz zu ermöglichen. Gemeinsam mit einer Oberstufen Klasse aus Wien wurden Orte gefunden, wo Wien zum Verweilen, Nutzen, Wiederkommen einlädt – besonders wichtig, um sich in einer Stadt wohl zu fühlen. Mit Hilfe der Fotografie konnten hier Sprachbarrieren überwunden werden. Eine Whats-App Gruppe aller am Projekt teilnehmenden Jugendlichen ist bis heute aktiv und wird weiter zum Austausch verwendet. Die Jugendlichen entwickelten im Laufe des Projektes mehr Selbstsicherheit und Selbstständigkeit, insbesondere in der eigenständigen Nutzung der Stadt.

 

Das Kulturvermittlungs-Team am Salzburg Museum hat die Entwicklung einer Ausstellung als Format gewählt, um das Museum für BesucherInnengruppen zu öffnen, die aus dem Kunstsystem oftmals ausgeschlossen sind. Sandra Kobel stellte das Projekt „WUNSCHBILDER gestern. heute. morgen“ vor; eine Ausstellung, die von der Kunstvermittlung kuratiert und konzipiert wurde. Die Ausstellung wurde hier als Handlungs- und Reflexionsraum gestaltet, in dem Begegnungen und diskursive Auseinandersetzungen möglich werden. Der Wunsch nach Schönheit, der Wunsch nach Heimat, der Wunsch nach Gesundheit, sowie der Wunsch nach Arbeit bildeten die Themenbereiche, die auf unterschiedlichen Ebenen diskutiert wurden. In vorangegangenen Projekten wurden SalzburgerInnen aus unterschiedlichen sozialen Kontexten eingeladen, gemeinsam mit KünstlerInnen, ihre eigenen Erfahrungen zu den Wunschthemen umzusetzen. Für den Ausstellungsbereich „Wunsch nach Arbeit“ arbeitete z.B. die Künstlerin Moira Zoitl mit VerkäuferInnen der Straßenzeitung Apropos. Das Ergebnis der Zusammenarbeit ist ein Film, der eines der Herzstücke des Salzburg Museum als Kulisse miteinbezieht: Vor Johann Michael Sattlers Panorama Blick auf Salzburg von 1829 zeigen sich die VerkäuferInnen im Sinne eines Tableau Vivants. In Form von Texten und Interview-Situationen formulieren die ProjektteilnehmerInnen ihre Vorstellungen von Arbeit und was gesellschaftliche Teilhabe für sie bedeutet. Die Straßenzeitungs-VerkäuferInnen berichteten ihrerseits in der November-Ausgabe 2015, über die Ausstellung und ihre Erfahrungen im Museum. Auf der Vermittlungsebene boten sie zusätzlich Lesungen und Führungen an. Die Kooperation mit der Straßenzeitung macht deutlich, dass Partizipation als vielschichtige Wechselwirkung mit dem Museum verstanden werden muss.

 

Fast jedes der an der Pre-Conference teilnehmenden Häuser hatte sich in der letzten Zeit mehr oder weniger umfassend mit dem Thema der Migration auseinandergesetzt und so boten die Projektpräsentationen spannende Ausgangspunkte für intensive Diskussionen wie z.B., ob es „unpassende“ Themen oder Ausstellungen gibt für Gruppen mit Geflüchteten? Und wenn ja, welche Themen das sein sollten und warum man denkt diese vorenthalten zu sollen. Ob Vermittlungen mit Geflüchteten immer sinnvoll und nützlich sein müssen, oder ob sie auch „nur“ schön und unterhaltsam sein dürfen? Ob durch ein Thema, dass gesellschaftlich gerade besonders im Fokus steht, andere wichtige Themen der Kulturarbeit verdrängt werden? Ob die gewünschte Partizipation und Teilhabe tatsächlich durch die Projekte gefördert werden kann oder wie und wo sie ansonsten stattfindet? Fragen, die sich teilweise während des gesamten Museumstages wieder aufgegriffen wurden.

 

Ein Statement, dass wohl viele der vorgestellten Projekte zusammenfasst, kam von der Vermittlungsabteilung des Vorarlberg Museum, das heuer auch den Museumspreis erhielt: „Dieses Museum ist für Einheimische und Vielheimische. Es verbindet Geschichte mit Gegenwart und gewährt Ein- und Ausblicke. Es berichtet von Menschen und Dingen. Es zeigt nicht die Geschichte Vorarlbergs, aber viele Geschichten Vorarlbergs.“

 

Für den letzten Abschnitt der Pre-Conference wurden die Perspektiven gewechselt – von außen nach innen und die gemeinsame Zeit dazu genutzt, um sich über die aktuellen Herausforderungen und Ziele der Kulturvermittlungsarbeit in Museen auszutauschen. Welche Rahmenbedingungen herrschen aktuell vor, was fällt in den einzelnen Institutionen in das Tätigkeitsfeld der Kulturvermittlung, wie gestaltet sich die Zusammenarbeit innerhalb des Hauses und wie die Vernetzung außerhalb, welche Bedingungen braucht Kulturvermittlung im modernen Kulturbetrieb?

 

ICOM CECA Österreich hat auch für das kommende Jahr bereits wieder eine Pre-Conference zum Österreichischen Museumstag 2017 geplant:
Save the date:
Mi, 11.Oktober 2017 ICOM CECA Pre-Conference

 

Wencke Maderbacher
ICOM CECA National Correspondent
Wer mehr über ICOM CECA erfahren möchte findet uns auf facebook: www.facebook.com/icomcecaaustria

 

 

Rückblick: 27. Österr. Museumstag 2016 in Eisenstadt

http://icom-oesterreich.at/news/rueckblick-27-oesterreichischer-museumst...

 

Foto-Credit: Salzburg Museum, Moira Zoitl