News

ICOM Österreich setzt sich für EU-Ausnahmeregelung für die Verwendung von Stickstoff in Museen ein

28.02.2019

Dr. Danielle Spera, Präsidentin von ICOM Österreich und Mag. Karola Kraus, Vorsitzende der Bundesmuseenkonferenz haben sich in einem gemeinsamen Schreiben an die zuständigen Bundesminister Gernot Blümel und Elisabeth Köstinger gewandt, um auf EU-Ebene eine Ausnahmeregelung für Museen und Kultureinrichtungen zur weiteren Verwendung von Stickstoff und Stickstoffgeneratoren zum Zwecke des Schutzes von Kunst- und Kulturgütern zu erwirken.

 

Museen und Archive bemühen sich sehr um die nachhaltige Erhaltung ihrer Bestände, die als österreichisches Kulturerbe und Weltkulturerbe von größter Bedeutung sind. Vor allem die präventive Konservierung und die Schädlingsbekämpfung sind ein großes Anliegen dieser Institutionen. Zur wirkungsvollen Schadensprävention und -bekämpfung führen Kultureinrichtungen weltweit, insbesondere aber auch die österreichischen Bundesmuseen, seit vielen Jahren Stickstoffbehandlungen durch. Diese Stickstoffbehandlung von tausenden Kunstobjekten/Kulturgütern stellt die einzig völlig giftfreie, weltweit angewandte und zudem schonendste Methode für Mensch und Objekt dar, um Schädlinge in allen Entwicklungsstadien zuverlässig abzutöten.

 

Mit der im Jahr 2012 erlassenen und seit September 2017 weitreichende Wirkung entfaltenden Biozid-Verordnung (EU) Nr. 528/2012 wird – unter anderem – die konservatorische Behandlung von Objekten mit Stickstoff stark reglementiert und somit für unsere Institutionen nahezu unmöglich gemacht. Dies stellt für die Museen ein massives Problem dar: Der Großteil der Kunst- und Kulturobjekte ist – nicht zuletzt zur Erfüllung des öffentlichen Auftrags – ständig der Gefahr ausgesetzt, durch Organismen beschädigt oder gar zerstört zu werden. Dabei reicht das Spektrum von Schadinsekten bis zu Pilzen.

 

Die Vorteile einer Stickstoffbehandlung liegen zum einen darin, dass sie sowohl als präventive Maßnahme (z. B. für alle von außen kommenden Objekte in eine Sammlung/in ein Depot) als auch zur Bekämpfung von aktivem Befall eingesetzt werden kann. Zum anderen ist diese Art der Behandlung wesentlich schonender und risikoreduzierter möglich als alle anderen Behandlungsmethoden und auch für einen Großteil der Objekte – gemessen an der Materialbeschaffenheit und an der Größe – anwendbar. Eine Rücksprache mit den zuständigen Mitarbeiter/innen der Bundesmuseen beispielsweise hat ergeben, dass keine andere Behandlung – gedacht ist hier beispielsweise an das Thermo Lignum-Verfahren oder auch die Behandlung in einer Gefrieranlage – auch nur ansatzweise eine Alternative zur Behandlung mit Stickstoff darstellen kann.

 

Aufgrund der Biozid-Verordnung (EU) Nr. 528/2012 laufen wir jedoch Gefahr, unsere zertifizierten und abgenommenen Stickstoffkammern und -generatoren nicht mehr verwenden zu dürfen. In diesem Sinne appellieren Dr. Danielle Spera, Präsidentin von ICOM Österreich und Mag. Karola Kraus, Vorsitzende der Bundesmuseenkonferenz an die zuständigen Bundesminister Gernot Blümel und Elisabeth Köstinger bei den verantwortlichen Stellen in Brüssel eine Klarstellung zugunsten von Museen und anderen Kultureinrichtungen und eine entsprechende Ausnahmeregelung zur weiteren Verwendung von Stickstoff und Stickstoffgeneratoren zum Zwecke des Schutzes von Kunst- und Kulturgütern zu erwirken.

 

Nur so wird es unseren Institutionen erlaubt, die Gesundheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen und zugleich unsere wertvollen Kulturschätze auf bestmögliche Weise für uns und unsere Nachkommen zu erhalten!

 

UPDATE 11. März 2019

 

 

Im Auftrag von Frau BM Köstinger stellt das Ministerium zum Thema "Verordnung (EU) Nr. 528/2012 Stickstoffbehandlung von Objekten" folgendes klar:

 

"Abschließend darf zusammengefasst werden, dass sich das BMNT als Biozidbehörde für eine Ausnahmeregelung einsetzen wird. Falls diese Bemühungen aber nicht von Erfolg gekrönt sein sollten, werden wir die Änderungen des Anhang I abwarten und danach auf Sie zukommen, falls eine Antragstellung erforderlich ist. Bis dahin und für die Dauer eines allfälligen Verfahrens können von behördlicher Seite zum Schutz von Kunst- und Kulturgütern aus Gründen der Verhältnismäßigkeit Stickstoffkammern und –generatoren weiter betrieben werden.“

 

Das vollständige Schreiben steht unten zum Download zur Verfügung.

 

UPDATE 12. März 2019

 

Joint statement/call ICOM-ICOMOS for the immediate repeal of the classification of nitrogen as a biocidal active substance for cultural heritage preservation applications across the EU. In reference to the REGULATION (EU) No 528/2012 OF THE EUROPEAN PARLIAMENT AND OF THE COUNCIL of 22 May 2012, concerning the making available on the market and use of biocidal products.

 

Nitrogen is included in Annex I of the Regulation above, however restricted to uses in limited quantities in ready-for-use canisters. This restriction needs to be removed and the possibility for nitrogen to be authorised as a biocidal product through the simplified authorisation procedure, as nitrogen plays a vital role in eliminating insect infestation on cultural heritage objects, movable or immovable.

 

Over the past decades, more and more museums and cultural heritage institutions in Europe have turned away from potentially hazardous chemical control to an Integrated Pest Management (IPM). IPM uses anoxia or modified/controlled atmospheres for treatment with a very low oxygen atmosphere in a chamber or tent with the aim to eliminate insect infestation on cultural heritage objects, movable or immovable, in all stages of development. Different modified/controlled atmospheres include inert gases (for example nitrogen, helium, argon) and carbon dioxide, where nitrogen is the most frequently used gas.

 

The displacement of atmospheric oxygen is a well-established method, there is no equivalent alternative in terms of preservation care and human health, for both staff and visitors of cultural heritage institutions. The procedure is included in the European Standard EN 16790:2016 Conservation of Cultural Heritage - Integrated pest management (IPM) for protection of cultural heritage. IPM is currently being used globally, it is more sustainable and reduces considerably the risks for the heritage objects and for the professionals dealing with them.

 

Many institutions have invested in own treatment chambers for anoxic disinfestation, for both prophylactic or acute pest elimination. With the extension of a mandatory registration of on-site generated nitrogen from September 2017 by the biocidal products regulation EU 528/2012 these facilities can no longer be operated. As a result, the cultural heritage institutions are faced with the acute danger that cultural heritage may be damaged or irretrievably lost, or that traditional organo-chlorine biocides may experience an undeserved revival.

 

In summary, the nitrogen ban is not justified for health aspects. It is bad for the cultural heritage conservation community to have less choices for treatment interventions, with the anoxic treatment being among the most compatible with many materials and objects. Finally, the ban is also economically damaging the market of European stakeholders in the IPM business, favouring less sustainable and riskier treatments.

 

Therefore, ICOM and ICOMOS jointly call upon the National Ministries, the European Parliament and Council, to repeal as soon as possible the classification of nitrogen as a biocidal active substance across the European Union. We advocate for a solution in which the use of nitrogen for this specific purpose in cultural heritage preservation is ratified for the entire European Union.